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Other Fiction Eliot, George: Middlemarch. V1 [German] 19.12.2019
#1  brucewelch 12-19-2019, 09:41 AM
"Middlemarch" (1871/72) ist der sechste und vorletzte Roman von George Eliot.

Spoiler Warning below






Er steht in der Großepik des 19.Jh. aus meiner Sicht auf einer ganz singulären Höhe; außer "Anna Karenina" von Tolstoi, das ästhetisch vollkommener sein mag, aber in der Gesamtschau hinter dem Werk der englischen Dichterin doch zurück bleibt, und den epischen Zyklen "Die menschliche Komödie" von Balzac und den 20 Bänden der "Rougon-Marquart" von Émile Zola gibt es nichts, was "Middlemarch" das Wasser reichen könnte; und was Balzac und Zola denn doch nur in zig Bänden gelingt: einen Mikrokosmos als komplexes Bild von Gesellschaft überhaupt zu erschaffen, vermag Eliot in einem Roman von gut 1130 Seiten, der nun keinen einzelnen Protagonisten mehr kennt; sondern dieser ist Middlemarch, der Mikrokosmos, die Gesellschaft selbst (was Friedrich Spielhagen in seiner Besprechung, [im dritten Beitrag seiner »Beiträge zur Theorie und Technik des Romans«] damals außerordentlich befremdet hat).
Wie hier mit tiefsinnigem Blick auf menschliche Interaktion, auf Schuld und Sühne, auf Liebe und Haß, Politik, Ökonomie und Kultur, Geist und Borniertheit, Vorurteil und Erkenntnis, Gewinn und Verlust, geschaut wird und dabei zugleich ein Geflecht von Beziehungen sich allmählich spannend vor unseren Augen ver- und entwirrt, ist mitreißend, berührend, schlechthin umwerfend. Ich kenne kein Buch, das diesem gleicht.

Ein Wort dennoch zu einer bestimmten Reminiszenz:
Gewiss ist "Middlemarch" ganz und gar George Eliots ureigenste Erfindung; aber Literatur wird - vielleicht nicht in erster Linie, aber doch auch - aus Literatur gemacht, und wer das Werk Edward Bulwer-Lyttons studiert hat, wird unzweideutige Parallelen zu Figuren in dessen Roman-Diptychon "Ernest Maltravers / Alice" (1837/38) erkennen, zumal beide in ähnlicher Beziehung zueinander stehen: Raffles in "Middlemarch" erinnert deutlich an Jack Darvil, den Vater von Alice bei Bulwer, während Eliots Bankier Bulstrode, auch gerade in seinem religiösen Eifer, auffällig stark dem Bankier Richard Templeton in den beiden Maltravers-Romanen ähnelt. Dass Eliots Bulstrode, anders als dieser, jüdischer Herkunft ist, könnte den heutigen Leser zu einem Antisemitismus-Vorwurf gegen die Autorin verleiten; dann jedoch sollte er dringend "Daniel Deronda", Eliots letzten Roman, lesen, der genau das Gegenteil bezeugt.

Zur Übersetzung:
Das vorliegende eBook rekonstruiert die bereits 1872/73 erschienene Übersetzung von Emil Lehmann. Die sei, so behauptet die Titelseite, "mit Bewilligung des Verfassers" entstanden. Das mag kaum mehr bedeuten, als dass George Eliot bzw. ihr Verlag nichts dagegen einzuwenden hatte, dass diese Übersetzung angefertigt wurde; eine "Autorisierung" oder ein Qualitätsurteil stellt die Floskel aber mitnichten dar.
Man wird im Verlauf der Lektüre bemerken, dass Lehmann die Übersetzung wohl so angefertigt hat, dass er mit der frischen englischen Ausgabe im Zimmer umher wanderte und im Lesen die Übersetzung laut sprach, während zwei Stenographen am Tisch das Gehörte zu Papier brachten. Bei dem durch Konkurrenzdruck forcierten Tempo kommt es dann bisweilen dazu, dass Lehmann nicht gleich ein passendes deutsches Wort zur Hand hat und sich mit neologistischen Anglizismen behilft: preoccupieren, Airs (statt Miene), Fender (statt Kamingitter) u.v.a.m. Dort, wo der heutige Leser nur Fragezeichen sehen würde, helfen Anmerkungen des Herausgebers. -
Diese auch inhaltlich zu setzen, war mir, wie bei der Herausgabe der großen Gesellschaftsromane von Edward Bulwer-Lytton (Pelham, Ernest Maltravers, Die Caxtons, Meine Novelle), auch bei "Middlemarch" wichtig, weil sonst die kontextuellen Bezüge zu den Zeitumständen und dem Wissenshorizont der Zeit fehlen. "Middlemarch" spielt aber in einer für England ungemein wichtigen Umbruchzeit, nämlich zur Zeit des Kampfes um die Parlamentsreform, um 1830, der den Weg in die Moderne ebnet.
Das Tempo, in dem die Übersetzung entstand, reicht bis in die Drucklegung; von einer Lektorierung ist nichts zu spüren - Rechtschreibung und Zeichensetzung ›variieren‹ nicht mehr bloß, sondern sind schlicht verwahrlost. Auch die Absatzeinteilung entbehrt zu oft der Einsichtigkeit. Dies konnte in dieser Form bei diesem bedeutenden Werk so nicht belassen werden; darum bemühte ich mich, eine lesbare Textform zu entwickeln, ohne gleich die gesamte Orthographie der Zeit zu modernisieren.
Ein weiteres Manko der vorliegenden Übersetzung besteht darin, dass Lehmann sämtliche Motti vor den 86 Kapiteln gestrichen hat; da es sich zumeist um Verse handelt, hätte die Nachdichtung wohl zu viel Zeit gekostet. Das eBook bringt nun die Motti, die ja auch zu dem Werk hinzugehören, wenigstens in der Originalsprache jeweils als Anmerkung. - Geändert hat der Verlag ferner die Kapitelzählung: Eliot zählt alle Kapitel in den acht Büchern durch, während die Übersetzung die Zählung jeweils für die vier Bände vornimmt.
Trotz der genannten Mängel, die diesem Übersetzungstext anhaften, ist doch zu betonen, dass es Lehmann bei allem Zeitdruck gelungen ist, eine (mit sehr geringen Ausnahmen) vollständige Übertragung zu erzielen, die den Geist des Werkes nicht nur anständig spiegelt, sondern oft in beherztester Weise originelle deutsche Wendungen für das sprachlich ungemein dichte Werk der großen Autorin findet.
Die vierbändige Übersetzung (1650 Seiten) von Emil Lehmann (1872/73) bildete in Form von GoogleBooks-Fraktur-Scans die Grundlage für eigenes OCR plus Korrekturlesung. - Das Cover macht Gebrauch von einer Illustration von W. L. Taylor, ›Dorothea finds her Husband in the Garden‹, aus einer Bostoner Ausgabe des Romans vom Jahre 1894. Als Frontispiz findet ihr im eBook einen Profilstich der Autorin, der aus einer New Yorker Geschichte der englischen Literatur für Schulzwecke (1889) stammt.
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[epub] Eliot, George - Middlemarch.epub (1.17 MB, 340 views)
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