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Philosophy Gutzkow, Karl: Zur Philosophie der Geschichte. V1 [German] 15.3.2020
#1  brucewelch 03-15-2020, 07:42 AM
"Was wird der Staat, an welchem Kunst, Wissenschaft und Religion ihre Wahrheit haben, doch immer thun müssen? Er wird Socrates wegen Blasphemie zum Tode verurtheilen, und seine Angeber, Menschen, wie Miletus und Anytes, mit einer Würgerkrone beschenken." (S.206f.)

Tiefe Skepsis ist es, die Karl Gutzkow in seinem umfangreichen Essay "Zur Philosophie der Geschichte" (1836, XII & 305 Seiten) dem Staat entgegenbringt; damit steht er in diametralem Gegensatz zur hegelschen Geschichtsphilosophie, deren teleologischen Charakter er (ähnlich wie später Theodor Lessing) fundamental in Frage stellt. - Kein Wunder! Was hatte er soeben von dem gegenwärtigen Staat erfahren? eine viermonatige Gefängnisstrafe für seinen Roman "Wally, die Zweiflerin"!


Zu Beginn des Vorworts heißt es:
"Diese Schrift wurde unter Umständen verfaßt, wo ich keine andern Quellen dazu benuzzen konnte, als höchstens einige an die Wand gekritzelte Verwünschungen der Langenweile oder einige in die Fensterscheiben geschnittene Wahlsprüche zahlloser unbekannter Namensinschriften. Dies war eine Bibliothek, die in jeder Beziehung Etwas zu wünschen übrig ließ." (S.I)

Im Gefängnis nämlich wurde dieser Text verfasst, nach dem Goethe-Essay der zweite, der dort entstand. Schreiben war Gutzkows Leben. Und so hat er die Zeit zur Selbstvergewisserung genutzt, was für den historischen Aufsatz zwar auch eine geschichtsphilosophische Auseinandersetzung mit der herrschenden Hegel’schen Schule bedeutete, aber viel mehr noch auf eine historisch-politische Einordnung des europäischen Status quo hinauslief. Hier ist zwar eine ganze Reihe erheblicher Fehlurteile zu beobachten; dies jedoch zeigt nur, wieviel leichter es ist, ex post Entwicklungslinien zu bestimmen, die auch einem hochbegabten Kopf wie dem Gutzkows in ihrer gegenwärtigen Wirrnis nicht hinreichend deutlich werden konnten. Ähnliches gilt für die Frage der Emanzipation des weiblichen Geschlechts: hier bleibt Gutzkow bedauerlicherweise in den Vorurtheilen der Zeit befangen.
Als Ganzes macht Gutzkows Aufsatz den Eindruck, als habe er das Etikett der Geschichtsphilosophie vor allem als Vehikel gewählt, um seinen, nennen wir es einmal: anarchisch-pazifistischen Liberalismus ins Wort zu bringen, eine Anschauung, die dem Recht der Natur gerne den Vorzug gewährt. —

Sein Werk schließt mit einem "philosophischen Glaubensbekenntnis":
»Ich glaube, daß alle physischen und moralischen Handlungen darauf hinausgehen, Gott zu produziren.« (S.298)

Dies ist alles andere als jenes demütige Bekenntnis zum positiven Christentum, zu dem die Herrschenden im Deutschen Bund die jungdeutschen Schriftsteller zwingen wollten.

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