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Der Thread für Kurzgeschichten und alles, was sonst so geschrieben wird
#1  Manichean 09-15-2010, 06:17 PM
Das hier ist ja doch irgendwie, im weitesten Sinne, ein Literaturforum. Und wir haben schon einen Haiku-Thread für Selbstgeschriebenes- aber was, wenns mal kein Haiku ist? Dafür ist dieser Thread da.

Regeln:
  1. Alles außer Haiku.
  2. Nur selbstgeschriebenes, bitte.
  3. Konstruktive Kritik erwünscht.

Mal schauen, ob wir hier genauso viel Material zusammenkriegen wie bei den Haiku.
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#2  Manichean 09-15-2010, 06:19 PM
Ich mache auch den Anfang. Nebenbemerkung: Mit einer Stadtkarte könnte man den Weg sogar nachvollziehen, ich sag aber nicht, welche man dazu braucht. Bonuspunkte, wer es rät Zweite Nebenbemerkung: Mein erster Versuch überhaupt, irgendetwas anderes als Haiku zu schreiben.

Nachtspaziergang

Vor der Tür ist es warm. Im Schein der Straßenlampen erste Schritte. Zügig zuerst, aber nicht schnell, aus der bekannten, alltäglichen Umgebung heraus. Langsam ruhiger werdend, bildet sich ein Rhythmus- zwar nicht exakt, kein Metronom, aber doch regelmäßig. Leere Straßen, geparkte Autos, Wohnhäuser mit dunklen Fenstern.

Ein Park. Baumschatten gegen den anthrazitfarbenen Himmel. Weniger Lampen, doch Erinnerung und das schwache Umgebungslicht reichen aus. Kies knirscht unter den Füßen, der laue Wind rauscht leise in den Blättern. Über die Wiese, die Halme im Mondlicht silbrig glänzend. Hier, auf dem leichten Hügel stehend, hört man keine Stadtgeräusche. Schlafende Häuser schemenhaft hinter den Bäumen, Autos stehen auf der schmalen Straße unter vereinzelten Laternen. Wieder gehen, diesmal beinahe sofort im schon gewohnten Rhythmus.

Die Kronen der Bäume im Wald sind zu dicht, um wirklich Licht hindurchzulassen, außerdem fehlen Straßenlampen vollständig. Wege matt dunkelgrau im schwarzen Unterholz, kaum sichtbar. Langsamer, vorsichtiger, aber doch zielsicher die Schritte auf erdigem Boden. Es riecht nach Grün: Blätter, Holz, Erde. Im Waldboden überall das Rascheln kleiner Tiere und Insekten, weiter weg entfernt sich ein größeres Tier. Anhand der teilweise durch die Stämme zu erkennenden Lichter der Straßen läßt sich die Orientierung ausreichend aufrechterhalten. Am Rand des Waldes wieder in den gewohnten Rhythmus, obwohl das Licht einer einzelnen Laterne an der Kreuzung fast blendend ist.

Kurze Zeit später spiegelt sich der Mond im bewegten Wasser. Hier ist der Wind nach dem warmen Tag angenehm kühl, das wissen auch einige wenige Andere zu schätzen- vereinzelte Spaziergänger, auch alleine oder aber zu Zweit. Einzelne Bänke besetzend, gemurmelte Gespräche, leises Lachen. Stege unterbrechen das Wasser und ziehen wieder vorbei. An Einem liegt ein Schiff, leise brummt der Generator, sonst schläft jeder. Plätschernde Wellen an der Mauer, es riecht ganz leicht nach Salz.

In den Straßen findet das statt, was sonst in den Clubs und Restaurants passiert. Leute stehen und sitzen in großen Trauben vor den Eingängen, Gläser oder Flaschen in den Händen. Vereinzelt, hauptsächlich an den Rändern der Gruppen, sind die roten Leuchtpunkte von Zigaretten zu sehen. Laute Gespräche, Lachen, Musik. Gelegentlich ist sogar ein Motor zu hören: Ein Taxi, Gäste holend oder bringend, hält für kurze Zeit am Straßenrand.

Als die Clubmusik langsam hintenaus leiser wird, ist durch die leere Straße leise Jazz zu hören. Beim Näherkommen vor dem Dunkel einer Wiese ein hell erleuchtetes Rechteck: ein Kiosk, der trotz später Stunde geöffnet hat, der Verkäufer, den Jazz aufgedreht, liest mit aufgestützten Ellenbogen eine Zeitung. Auf der dunklen Wiese dahinter ein Teich, im spiegelglatten Wasser die Lichter des Jahrmarkts.

Die Geschäfte am Straßenrand leer, die Auslagen unbeachtet. Tagsüber so einladend geöffnete Türen versperrt und alarmgesichert. Dunkle, unbeleuchtete Fenster wie leere Augenhöhlen. Auf dem Weg zurück hallen die Schritte zwischen den mehrstöckigen Häusern, ein einzelnes Fenster beleuchtet, leise Musik und Stimmen.

Hinter der Tür ist es immer noch warm.
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#3  beachwanderer 09-18-2010, 04:10 AM
And now to something completely different:

- Aus einem älteren Reisebericht über eine Rucksacktour nach Cornwall, GB (Gott, ist das lange her ….) -

" 8. Tag … Das auffälligste Gebäude in der Stadt Falmouth ist, sieht man einmal von der vorgelagerten Festung Pendennis Castle ab, sicherlich der gedrungene elisabethanische Bau von Arwenack House, Sitz der Gründungsfamilie der Stadt, der Killigrews.

F.W.L. Stockdale berichtet in seinen „Excursions through Cornwall“ (London,1824), es existiere eine alte handschriftliche Familienchronik, die die Entstehung des Hafens mit dem berühmten Seefahrer Sir Walter Raleigh vernüpft. Auf einer Rückreise von Guinea habe dieser seine Schiffe in den natürlichen Hafen der Carrick Roads gelenkt und neben Arwenack House sei, abgesehen von einigen Fischerhütten, nur eine einzige andere Unterkunft vorhanden gewesen und damit zu wenig Platz, um die seemüden Mannschaften zu beherbergen.

Nach Raleighs Vorschlag seien danach für die Bewirtung von Seefahrern vier neue Häuser hinzugebaut und damit der Kern der Stadt geschaffen worden.

Während des Bürgerkrieges fanden sich Angehörige der Familie auf beiden Seiten und im Zusammenhang mit den Konflikten mit Spanien wird berichtet, dass ein Killigrew versuchte, die (dem König gehörige) Halbinsel Pendennis samt Festung auf eigene Rechnung an den spanischen König zu verkaufen. Auch soll die Familie an dem in Cornwall verbreiteten Schmuggel und der Piraterie zu Zeiten gut verdient haben.

Sogar ein weibliches Familienmitglied, Lady Jane Killigrew, habe im Jahre 1633 mit einer Bande von Helfern zwei friedlich im Hafen liegende holländische Handelsschiffe überfallen, die Eigner erschlagen und zwei Fäßchen mit spanischen Goldmünzen erbeutet. Sie sei danach in die naheliegende Stadt Penryn geflohen und dort nur durch den Einfluß der Familie dem Galgen entkommen, während ihre Gesellen exekutiert worden seien.

Tatsächlich findet sich im Stadtschatz von Penryn ein Silberpokal mit der Gravur „From maior to maior to the town of Permarin, when they recieved me that was in great misery, Jane Killigrew, 1633“ (Von Bürgermeister zu Bürgermeister an die Stadt Penryn; Als sie mich aufnahm war es in großem Elend ...).

Eine etwas prosaischere Erklärung als die Seeräuberanekdote ist die, Lady Jane habe sich von ihrem Mann Sir John Killigrew getrennt und sei von den Einwohnern und dem Stadrat von Penryn vor ihm geschützt worden. In Penryn, der älteren und vorher wirtschaftlich bedeutenderen Stadt, war man auf das nachbarliche Falmouth und dessen steilen wirtschaftlichen Aufstieg offenbar nicht gut zu sprechen.

Unweit von Arwenack House befindet sich das ehemalige Zollgebäude und bei ihm ein alter ziegelgemauerter Schornstein. Der dortige Ofen diente in früheren Zeiten auch dazu, sichergestellten Schmuggeltabak zu verbrennen, so dass der Schornstein in der Stadt auch als „The Kings Pipe“ (Die Pfeife des Königs) bekannt ist. ... "
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#4  beachwanderer 03-02-2011, 02:15 AM
Microstory

Hier stand: Auf seinem morgendlichen Weg zu den Elefanten ...
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#5  K-Thom 03-02-2011, 06:04 AM
Hmmm, wär's nicht vielleicht schöner, auch aus den Kurzgeschichten ePub zu machen und hochzuladen? Geschichten lese ich einfach ungern am großen Monitor.

Man kann sie ja hier kurz vorstellen und dann auch besprechen.
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#6  Manichean 03-02-2011, 06:05 AM
Dafür sind doch noch nicht genug da. Außerdem müßte dann auch erstmal jemand aus den Haiku ein Ebook machen, oder?
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#7  K-Thom 03-02-2011, 07:29 AM
Wir sprechen doch hier von den Geschichten, nicht von den Haikus.

Die Haikus zu sammeln, wäre auch mal eine lustige Idee.
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#8  Manichean 03-02-2011, 07:50 AM
Genau, die drei Geschichten, die hier im Thread stehen. Das lohnt doch nun wirklich (noch) nicht.
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#9  K-Thom 03-02-2011, 10:20 AM
Und ich spreche von den Geschichten allgemein. Das lohnt sich natürlich nur bei längeren Texten. Ich merke nur bei mir, dass ich nicht die Aufmerksamkeit aufbringe, eine Geschichte im Forum zu lesen.

Fällt mir bei vielleicht genauso langen Sachbeiträgen interessanterweise viel leichter.
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#10  K-Thom 03-02-2011, 10:24 AM
(Upps, online gestellte Geschichte war eine alte Fassung. Muss erst mal suchen, wo ich das Backup mit der neuen Fassung habe, argl!)
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